Martin Becker Marschmusik; Abb: Luchterhand Verlag
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Martin Becker - Marschmusik

Bewertung:

Bald endet die Kohleförderung in Deutschland und damit das Leben unter Tage. Dann ist im Ruhrpott Schicht im Schacht. Es bleiben nur noch Erinnerungen: an den wortkargen Vater und die Abende mit Bier, Schnaps und Marschmusik aus dem Küchenradio.

Auf dem Titel auch ein Bild von einem Förderturm, sowas steht auf Zechengelände - und da sind wir dann mitten im Thema, die "Marschmusik" steht nicht wirklich im Zentrum. Ein nicht mehr ganz so junger Mann, sagen wir etwas über 30, fährt aus der großen Stadt, in die er gezogen ist, in seine alte Heimat, Mama besuchen. Das ist um Grunde die Story. Aber, und alle, die von zu Hause weg sind, weiter weg als 100 Kilometer, die wissen das, so was hat immer viele Geschichten im Gepäck, nicht nur die eine.

Heimweh und Sehnsucht
Man will hin - und dann gleich wieder weg - so kann man das zusammenfassen. Es ist immer viel, viel Heimweh dabei, und wenn man dann zu Hause reinkommt und es riecht immer noch wie vor 20 Jahren, dann weiß man - es wird wieder schwierig.

Autor Martin Becker erzählt all diese Geschichten, mit allem Heimweh, mit allen Gerüchen, mit allen Brüchen und Aufbrüchen. Sein Vater war Bergmann, ist schon lange tot, Bergleute haben selten viel von ihrer Rente gehabt, Mama war krank und ist jetzt alt, sie raucht, sie sieht fern - und sie wartet auf den Sohn, aber der kommt selten in die kleine Stadt am Rande des Ruhrgebiets.

Arbeit unter Tage
Das klingt ungeheuer melancholisch, und das ist es auch stellenweise, dann aber auch wieder sehr witzig erzählt, es ist ein Buch, das ist selber "wie nach Hause kommen". Becker erzählt viel von seinem Vater, von der mörderischen Arbeit unter Tage, davon, dass man diese schwere Arbeit aber auch lieben konnte, er fährt selber ein, erlebt ein bisschen den Alltag seines Vaters nach, da unten im Schwarzen - und kann dann vieles, was ihn früher gequält hat, besser verstehen: Die Schweigsamkeit des Vaters, das Eigenbrötlerische, das Strenge.

Die Marschmusik spielt eine sehr untergeordnete Rolle, der Junge hat früher in einem Spielmannszug Marschmusik gemacht, wollte berühmt werden - hat nicht geklappt.

Ich habe das Buch wirklich sehr gemocht, es ist wunderbar erzählt, man kann alle Beteiligten so gut verstehen, die ganze Familie, den erzwungenen Zusammenhalt, die Enge, die Flucht des einen Sohnes - so ist halt das Leben, und Martin Becker, scheint mir, kennt ganz genau das, was er hier erzählt. Das ist eine großartige, anrührende Geschichte.

Beitrag von Monika Burghard