Gewohnheitswand?
1986 - da war die Mauer 25 Jahre alt, und wir hatten uns, naja, nicht dran gewöhnt, aber damit abgefunden. Mit diesem sonderbaren, unheimlichen, ekligen Zustand, dass da immer sehr schnell diese Wand war, wohin man auch ging oder fuhr, es war sehr schnell Schluss.
West-Berlin war ein Dorf, keine Frage. Wir haben es möglichst vermieden, diese Mauer zur Kenntnis zu nehmen, nur wenn Besuch kam, dann musste man wohl.
Hin- und wegsehen
Deswegen und weil es jetzt schon so lange her ist, hat dieser Fotoband eine merkwürdige Faszination. Wir kennen die Bilder, quasi vom Weggucken.
Den Blick vom Wedding nach Prenzlauer Berg rein, die Sonne scheint, sieht alles ganz friedlich aus, bis auf die Mauer da quer über die Straße, bis auf die beiden Wachposten da vorne.
Eine Bushaltestelle Bernauer Ecke Gartenstraße, ein paar ältere Frauen, der Bus kommt gerade, ein Doppeldecker - so war das, keiner guckt dahin zur Mauer, es war, wie es war.
Kreuzberg, wohnen mit Mauerblick, mit Mauerwitz, "Wohl noch nie 'ne Mauer gesehn?" steht drauf, der Humor war schwarz.
Leben mit und an der Mauer
Neukölln, Heidelberger Straße, keine fünf Meter von der Häuserzeile mit dem Zeitungsladen bis zur Mauer.
Grau und trostlos die Häuser links, grau und trostlos die Mauer rechts, dazwischen ein Campingtisch, drei Männer trinken Dosenbier. Das nannte man damals Maueridylle.
Es war, wie es war. Vor allem war es still, das sieht man auch. Die Mauer aus West-Perspektive, das war auch scheußlich, obwohl sie von dieser Seite durchlässig war.
Beim Blättern wird man still und nachdenklich, man hat so viel vergessen. Den bizarren Alltag mit diesem Ding. Dieser Mauer. Jeder hatte so seine Weise, damit klarzukommen. Blick zurück in Schwarzweiss. In eine andere Welt.
Monika Burghard
Michael Magercord
"Meine Mauer
Fotografien eines Westberliners 1986 - 1993"
Sutton-Verlag
19,95 Euro
