Tod auf der dritten Seite
Bescheidenheit ist eine Zier, wissen wir. Der Verlag geht trotzdem gleich mal hoch ran und schreibt hinten rauf: "Ein großer Roman über eine kleine Stadt von einer der besten Erzählerinnen der Welt."
Nuja. Der erste Satz hat in der Tat Klassiker-Qualität: "Barry Fairbrother wäre lieber zu Hause geblieben." Wär vielleicht auch besser gewesen
Denn auf der dritten Seite ist Barry Fairbrother, Journalist, verheiratet, vier Kinder, wohnhaft in Pagford und Mitglied des örtlichen Golfclubs sowie des Gemeinderats, also auf der dritten Seite ist Barry bereits tot.
Gestorben auf dem Weg zum feierlichen Abendessen anlässlich des 19. Hochzeitstages. In seinem Kopf ist eine Ader geplatzt, und damit platzt quasi das ganze Sozialgefüge in diesem Mini-Kosmos Pagford ebenfalls.
Klischees und Behäbigkeit
Nach und nach lernen wir Freunde, Bekannte, Nachbarn kennen, sie sind alle eher so mittel-sympathisch, ihre Kinder auch. Der allgemeine Umgangston ist nicht sonderlich freundlich, Kinder und Ehefrau werden gern mal kräftig angeschnauzt, keiner schnauzt zurück.
Auch optisch lässt das ganze Personal offensichtlich sehr zu wünschen übrig. Zu dick, zu kahl, zu solariumsbraun und entsprechend zu faltig. Das komplette Klischee der untersten Mittelschicht, und die Story kommt nicht recht vom Fleck.
Erwartungsdruck
Es gibt Streit in der Gemeinde, jeder mit jedem, jeder gegen jeden, ein bißchen Sex hier und da, grobe Töne in Menge, schöne junge Frauen werden ausführlich beschrieben, aber dann auch sowas: In einem Wartezimmer sitzt "eine keuchende alte Frau mit deformiertem Oberkörper." Aha.
Beispiel einer Null-Beschreibung und deutlich zuwenig für "eine der besten Erzählerinnen der Welt". Fast sechshundert Seiten aufgeregtes Kleinstadtleben. Es zieht sich ordentlich und das Lesen wird nach und nach zur Pflicht.
Vielleicht waren die Erwartungen zu hochgejuchzt, kann sein, jedenfalls: eher eine Enttäuschung.
Monika Burghard
J.K. Rowling
"Ein plötzlicher Todesfall"
Carlsen-Verlag
24,90 Euro
