Den Hit geträumt
1963 fängt gut an für Roy Orbison. In einer kalten Januarnacht hat er von Elvis Presley geträumt. Der King Of Rock’N’Roll ist fast schon ein Freund für den jungen Roy geworden. Er kann sein Glück kaum fassen. In seinem Traum sagt ein Radio DJ den neuesten Song von Elvis an, als Roy plötzlich aufwacht. Er hat den Song noch ganz genau im Ohr, als ihm klar wird, dass er im Traum ein Lied komponiert hat. In nur 20 Minuten ist „In Dreams“ fertig.
Mit Hornbrille in die Popwelt
Es ist ein äußerst praktisches Talent, denn Roy lebt mit seiner Frau und dem Baby in einem Winz-Appartment, wirklich komponieren kann er hier nicht. Deshalb setzt er sich abends mit seiner Gitarre oft in seinen Wagen, um neue Lieder zu schreiben. Dass ihm ein Hit im Schlaf zufliegt, ist neu für den jungen Familienvater.
In Aerika geht der Song sofort in die Top 10, nur seine Plattenfirma bleibt skeptisch. Auf der Bühne bewegt sich Roy kaum, er ist schüchtern, eher verklemmt und mit seinen starken Brillengläsern lässt er keine Teenieherzen höher schlagen. Aber die Erfolge sprechen für sich. Also will man auch den englischen Markt erobern und bucht eine Tournee mit den Beatles.
Mit den Beatles auf einer Bühne
Er ist der Headliner, die Beatles die Vorgruppe. Von denen hat in Amerika noch keiner gehört. Auch Roy reist im Frühling nach England, ohne zu wissen, wer oder was da auf ihn zukommt. Das soll sich nach der Landung schnell ändern. Die Stadt ist zuplakatiert mit den Konterfeis der Beatles, in jeder Zeitung liest er Artikel über die Pilzköpfe. Er selbst wird nur mit einem Nebensatz erwähnt. Unsicher betritt Roy am 18. Mai 1963 die Halle.
Wegen der einseitigen Berichterstattung schlägt er den Veranstaltern vor, selbst zuerst auf die Bühne zu gehen, da die Beatles ja offensichtlich die größeren Stars in England sind. Aber eines möchte er noch wissen, „was ist überhaupt ein Beatle“? Da tippt ihm jemand auf die Schulter: „Ich bin einer“, lacht John Lennon. Während die Fab 4 ihre Pilzköpfe richten und in die Anzüge steigen, schlottern Roy vor Aufregung die Knie. Hinter einer riesigen Sonnenbrille versteckt Roy sein Lampenfieber, fast bewegungslos singt er seine Songs.
Die Beatles an die Wand gespielt
Das Publikum ist mucksmäuschenstill. Roy befürchtet das Schlimmste, aber anstatt ihn auszubuhen, brechen die Musikfans in frenetischen Applaus aus. Roys unsicheres, anrührendes Auftreten und die sensiblen Songs treffen die Menschen mitten ins Herz. Der Saal tobt, als Roy die Bühne verlässt, nach 14 Zugaben gehen ihm langsam die Songs aus. Trotz „Beatlemania“ ruft niemand nach den Beatles. John, Paul, George und Ringo sind irritiert, ungläubig beobachten sie die Massen, die nach Roy schreien.
Als dieser für die 15. Zugabe wieder auf die Bühne klettern will, halten ihn John und Paul einfach fest. Sie sind jetzt mal dran, finden sie. Nun haben sie allerdings weiche Knie, wie sollen sie gegen diese Begeisterung anspielen? Böse ist Roy nicht lange, dass ihn die Beatles nicht wieder auf die Bühne lassen. Er fühlt eine Seelenverwandtschaft zu John Lennon, die Freundschaft zu George Harrison hält ein Leben lang! Nach diesem Abend nennen ihn die Beatles ehrfürchtig „The Big O“!
Bettina Exner