Die Liebe geht, der Hit kommt
Betrübt starrt Justin Hayward auf sein Bett. Schön sieht es aus, das weiße Bettlaken aus Satin, das ihm seine neue Freundin geschenkt hat. Eigentlich müsste der Neunzehnjährige glücklich sein, denn in diesem Bett hat Justin auch viele glückliche Stunden mit seiner Ex-Freundin verbracht. Aber jetzt ist die große Liebe zerbrochen. Noch auf der Bettkante schnappt er sich seine Gitarre. In nur 4 Minuten komponiert er ein Lied über seine gemischten Gefühle.
Probiers mir einem Orchester
Aber er hat nicht lange Zeit, seiner Verflossenen nachzutrauern, denn seine bis dato erfolglose Band hat eine letzte Chance von der Plattenfirma DECCA bekommen. Mit ihren eigenen Songs haben die Moody Blues der Firma viel Geld gekostet, nun will die Firma ihr neues Stereosystem vermarkten. Die Plattenbosse wollen, dass die Moody Blues auf den Klassik-Rock-Spuren von Deep Purple wandeln.
Ein großes Orchester wird angekarrt. Justin und seine Freunde sollen Antonín Dvořáks 9. Symphonie („Aus der neuen Welt“) in ein modernes Rockgewand mit Orchester kleiden. Widerwillig machen sich die Musiker an die Arbeit. Aber schon bald steht fest, dass sie es nicht schaffen. Dafür haben sie aber eigene Ideen, um das Orchester zu beschäftigen. Angeregt von Justins „Night In White Satin“ wollen sie nun stattdessen ein Konzeptalbum aufnehmen, dass einen einzigen Tag beschreibt.
Das Nachtlied von Justin haben sie bereits, Ray Thomas steuert das Morgenlied bei, für den Rest des Tages sorgen die anderen Bandmitglieder. Um seine Miete zu bezahlen, jobbt Pianist Mike Pinder nebenbei bei der Firma „Streetly Electronics“, die ein neuartiges Instrument vertreiben. Mike ist so begeistert von dem Mellotron, das er sogar bei den Beatles vorspricht. Diese nutzen es sofort für ihren nächsten Song.
7 Minuten für die Ewigkeit
Nun wollen sie dieses neuartige Tasteninstrument, mit dem man vorproduzierte Tonbänder abspielen kann, für den gewünschten orchestralen Sound einsetzen. Das Mellotron ist die Ur-Mutter des Samplers. Tonbänder werden nun hektisch hin- und hergeschickt, so dass Justin und seine Jungs dem Orchester im Studio nie begegnen. Sie tauschen einfach ihre Aufnahmen, damit harmonische Klänge entstehen.
Die Plattenfirma ist äußerst skeptisch. Als die erste Single ins Rennen geschickt wird, floppt Justin Hayward’s melancholische Erinnerung an die Ex-Freundin. Der Song ist mit 7 Minuten viel zu lang für die Radiosender. Die Chefetage bei Decca tobt, aber ein Radio DJ aus Seattle rettet den Musikern den Kopf. Der muss eines nachts dringend mal aus dem Studio müssen.
Da erinnert er sich an dieses 7-Minuten-Stück, diese Zeit müsste ihm reichen. Als er wieder zurück kommt, klingeln die Telefone heiß. Die Hörer wollen den Song immer wieder hören. Später gibt es dann auch eine gekürzte Version. Die mit dieser schrecklichen Blende. Aber auch das ist mittlerweile Popgeschichte.
Übrigens
Mit 17 hat Justin Hayward bei den Eltern von Kim Wilde in der Band Wild Three gespielt. Ebenfalls mit 17 unterzeichnet der talentierte Justin einen Vertrag als Songschreiber bei Lonnie Donegan, überträgt ihm alle Rechte an seinen Liedern. Tantiemen für sein Meisterwerk über ein Bettlaken sieht er nicht!
Autorin: Bettina Exner