Was hat er denn da schon wieder raus gelassen? Das denken drei der FAB 4 Anfang März 1966, als sie morgens in der Zeitung die Schlagzeilen lesen.
John erklärt Jesus
Ihr Chef-Zyniker John Lennon hat der Redakteurin des Londoner „Evening Standard“ seine Sicht der Dinge in Punkto Religion erklärt.
Einen ganzen Tag darf Maureen Cleave John Lennon interviewen. Stolz zeigt ihr John sein Gorillakostüm, mit dem er gerne im offenen Ferrari durch die Gegend fährt und schwadroniert, dass das Christentum bald verschwinden würde, schon heute seien die Beatles beliebter als Jesus Christus.
Er sei zwar Fan von Jesus, aber seine Anhänger seien ordinäre Dummköpfe, die alles nur verdrehen würden.
Am 4. März 1966 lesen George, Paul und Ringo Johns Schlagzeile: “Die Beatles sind beliebter als Jesus”!
Ärger im Vatikan
In England hält sich die Aufregung noch in Grenzen, während sich im Vatikan Papst Paul VI maßlos über diese Aussage ärgert. Ab sofort ist John Lennon in den katholischen Kreisen eine öffentliche „persona non grata“.
Unheil in den USA
Die Beatles bereiten gerade ihre dritte USA-Tournee vor, als sich über dem großen Teich Unheil zusammenbraut.
Die Promotion läuft auf Hochtouren, als am 29. Juli die August-Ausgabe des „Datebook“-Magazins erscheint. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen erscheint Johns Aussage. „Die Beatles seien beliebter als Jesus“, prangt auf der Titelseite der Jugendzeitung.
Es beginnt eine Hetzjagd auf die Beatles, die am 12. August ihre Tour in Chicago beginnen. Auch eine eilig anberaumte Pressekonferenz, auf der John seine Aussage relativiert, in dem er sagt, dass Musiker generell mehr Einfluss auf die jungen Fans hätten als die Kirche, ändert nichts an den Hasstiraden in den USA.
Kesseltreiben gegen die Pilzköpfe
Der Ku Klux Klan will John Lennon an den Kragen, nagelt Beatles-Platten an Holzkreuze. Die Radiostationen verbannen ihre Platten von den Sendern, öffentlich werden Beatles Platten verbrannt.
Aufgrund von konkreten Morddrohungen will Manager Brian Epstein die Tournee absagen, aber die Jungs wollen unbedingt spielen.
In Memphis fliegt ein Knallkörper auf die Bühne. Im ersten Moment fürchten sie, jemand könnte auf John geschossen haben. Ängstlich schauen sie ihn an, aber John ist glücklicherweise nichts passiert. Noch nicht.
Fans halten die Treue
Trotz des Boykotts wird die Tournee ein kommerzieller Erfolg, die Fans halten zu ihren Pilzköpfen. Es wird die letzte Tournee der Beatles sein, danach nehmen sie ihr legendäres White Album auf, das am 22. November 1968 erscheint..
Fanatismus mit Folgen
Es wächst langsam Gras über die Sache, aber nicht im Vatikan und nicht bei einem gläubigen Beatles-Fan.
Als Mark Chapman wegen Johns Aussage, die Beatles seien populärer als Jesus Chrisus, 1980 zur Waffe greift und John Lennon tötet, kann der Vatikan immer noch nicht verzeihen.
Das geschieht erst unter Papst Benedikt zum 40jährigen Jubiläum des „White Albums“ am 22. November 2008. Das Vatikan-Blatt „L’Osservatore Romano“, das ansonsten nur jede Regung des Papstes dokumentiert, widmet den Beatles einen Artikel:
„Nach so vielen Jahren scheine es so, als sei die Bemerkung damals nur der Übermut eines Jugendlichen der englischen Arbeiterklasse gewesen zu sein, der ganz offensichtlich überwältigt war von einem unerwarteten Erfolg.“
Vom Ketzer zum Kronjuwel
Nach Aufzählung sämtlicher Verwerfungen von den John, Paul George und Ringo bezeichnet das Blatt die Songs der Beatles als „wertvolle Juwelen, die unsterblich sind“. Amen.
Vielleicht hätte der Vatikan schon früher - spätestens nach „Imagine“ - einlenken können.
Auch die Liverpooler Kathedrale darf John Lennon nun endlich verzeihen. Gerührt hört die Witwe Yoko Ono, wie die Glocken „Imagine“ läuten.