Keine Lust mehr auf halbleere Hallen
Als die Anfrage ins Haus kommt, ist Pop-Prinzessin Kim Wilde schockiert. Kim hat schon so einige Erfahrungen im Musikbusiness gemacht, positive und negative. Ihr Lampenfieber war so groß, dass sie erst im kleinen Dänemark probeweise auf Tournee ging, bevor sie sich traute, in ihrer Heimat Konzerte zu geben.
Nun dieser Brief, er raubt ihr den Atem. Nach ihrem Megahit „Kids In America“ und diversen Nachfolgern wird es in ihrer Heimat England langsam ruhiger um die Blondine, vor halbleeren Hallen zu spielen ist auch kein Vergnügen. Eigentlich will sie die Musikkarriere schon über Bord schmeißen.
Keine Lust auf Amerika-Tour
Alle in der Familie Wilde sind hochmusikalisch, der Vater schrieb einst „I’m A Tiger“ für Lulu, komponiert nun mit Bruder Ricky ihre Hits, auch die jüngeren Schwestern eifern ihr nach. Trotzdem fällt es Kim immer schwer, ihre Schüchternheit zu überwinden und ins Rampenlicht zu treten; dort fühlt sie sich wie der einsamste Mensch auf der Welt.
Aber die „Bardot der Popmusik“ macht immer weiter, obwohl „Love Blonde“ in England schon kaum jemand mehr hören will. In Deutschland ist ihre Popularität jedoch ungebrochen, nach wie vor gibt’s den Bravo Otto jedes Jahr. Mit Händen und Füßen hat sich Kim stets geweigert, eine Tournee durch Amerika zu planen und mal zu schauen, wie denn die „Kids In America“ wirklich leben.
Trotzdem sorgt 1986 ausgerechnet ein 20 Jahre altes Lied der Supremes für ihren Durchbruch jenseits des Atlantiks.
Kalte Füße vor dem großen Auftritt
Das kriegen auch die Manager von Michael Jackson mit, die für die kommende Europa-Tournee nach einer populären Vorgruppe suchen. Eigentlich ist nun wieder alles im Lot mit ihrer Karriere, als die Anfrage vom Jackson-Management kommt, ob sie mit dem “King Of Pop” in Europa auf Tour gehen möchte. Natürlich ist Michael Jackson ein Idol für Kim, eigentlich weiß sie, dass sie nicht ablehnen kann, aber sie hat Angst.
Angst, neben dem großen Star nicht bestehen zu können, Angst vor den Menschenmassen, die doch alle nur wegen ihm kommen. Die Planungen laufen schon auf Hochtouren, aber Kim hat immer noch kalte Füße. Ein paar Tage vor der Abreise beichtet sie ihrer Mutter, dass sie die Tournee absagen möchte. Im Hause Wilde tagt nun der Krisenstab, am Ende geht Kim mit schlotternden Knien mit ihrem Idol auf Tournee.
Das große Idol wird ganz klein
Fasziniert und auch befremdet beobachtet sie, was für ein Zirkus da um Michael Jackson gemacht wird. Streng abgeschirmt von allen, hockt Michael damals schon einsam in seiner schwarz gestrichenen Garderobe, spricht mit niemandem.
Auch mit Kim Wilde wechselt er kein einziges Wort, wie seine Manager, die behandeln Kim arrogant wie ein lästiges Anhängsel. In diesen Momenten erkennt Kim, dass da jemand noch einsamer ist als sie. Dieses Gefühl gibt ihr die Kraft, neben dem großen Star auf der Bühne zu bestehen, sie ist sogar ein wenig verliebt in den androgynen „Peter Pan“.
Nach 5 Monaten und 30 ausverkauften Shows hat Kim Wilde ihre Ängste endlich im Griff, sie weiß nun, dass sie überall und immer bestehen kann!
Autorin: Bettina Exner