Keine Lust auf Lyrics
Armes Lied. Drei Jahre lang muss es gänzlich ohne Text auskommen, aber bei Live-Konzerten der Doobie Brothers verlangen die Fans immer wieder lautstark nach diesem Instrumental. Trotzdem denkt Gitarrist, Leadsänger und Songschreiber Tom Johnston nicht im Traum daran, sich etwas Kluges als Text dazu auszudenken. Auf den Set-Listen stehen immer unsinnige Phantasienamen. Mal heißt es „Parliament“, mal „Rosie Pig Moseley“, mal steht da „Osborne“ nach ausgiebigem Genuss des spanischen Weinbrandes.
Der Produzent will endlich einen Text!
So geht das Anfang der Siebziger immer weiter, bis Produzent Teddy Templeman ein Machtwort spricht. Die euphorischen Reaktionen des Publikums seien doch wohl eindeutig, das Lied ist ein Hit, ohne Text jedoch ein verschenkter, brüllt er im Tonstudio. „Es ist ein Wegwerflied“ brüllt Tom zurück und verzieht sich auf die Toilette. Dort kommt er ins Grübeln. Das Lied ist so einfach gestrickt, dass Tom gar kein Potential darin sieht. Aber er kennt Teddy. Der würde nicht eher Ruhe geben, bis er einen fertigen Text abliefert. Also schnappt er sich einen Zettel und textet darauf los, während er auf dem Klo brütet.
Kindheitserinnerungen helfen weiter
Was passt zu dem eilig fortschreitenden Gitarrenriff? Züge sind gut, die haben es auch immer eilig. Und mit Zügen kennt sich Tom aus. Er ist in einem Tal in Kalifornien aufgewachsen. Als kleiner Junge hat er stundenlang beobachtet, wie die Züge die Hügel hoch und dann hinunter ins Tal schnauften. Und darüber schreibt er nun den lang ersehnten Text für den namenlosen Song. In ein paar Minuten ist er fertig, wäscht sich die Hände und stürmt ins Studio zurück. Der Produzent ist zufrieden, als sie den Song wenig später aufnehmen. Und er behält Recht, „Long Train Running“ stürmt sofort die amerikanischen Charts.
Autorin: Bettina Exner