Vorbild King Curtis
Es ist ein stürmischer September-Abend 1971. In Ashbury Park, einem Küstenort in New Jersey, regnet es seit Tagen. Frierend geht Clarence Clemons zur Arbeit. In der „Wonder Bar“ hat er ein Engagement als Saxophonist bei der Band The Joyful Noyze. Der große 29-Jährige, der bis zu seiner Knieverletzung ein erfolgreicher Football-Spieler war, will Profimusiker werden. Angestachelt dazu hat ihn Saxophon-Legende King Curtis.
Ein magischer Moment
Als sich der Hüne in der Pause langweilt, erzählt ihm die Sängerin von einem gewissen Bruce Springsteen, der gleich um die Ecke spielt. Clarence macht sich auf die Socken, sein Saxophon nimmt er sicherheitshalber gleich mit. Als er die Tür zum „Student Prince“ öffnet, erfasst eine heftige Windböe den Zuschauerraum. Gläser gehen zu Bruch, Tischdecken wehen auf die Straße. Wie eine außerirdische Erscheinung steht der große, schwarze Mann im Halbschatten in der Tür. Alle starren ihn an, die Band hört auf zu spielen.
Zielstrebig geht Clarence auf die Bühne, sagt, er würde gerne mit ihnen ein paar Songs spielen. Nervös mustert der recht schmächtige Bruce Springsteen den 1.94 m-Hünen. „Du kannst alles tun, was du willst“, stammelt er im Hinblick auf den Höhenunterschied zwischen ihnen. Als sie zusammen „Spirit In The Night“ spielen, zittern bei Clarences Saxophonsolo die restlichen Gläser im Club, als ob sie jeden Moment zerspringen. Es ist ein magischer Moment, Clarence und der 7 Jahre jüngere Bruce verstehen sich ohne Worte.
Anruf von Lady Gaga
Von diesem Moment an ist Clarence fester Bestandteil von Springsteens E-Street-Band. Liebevoll nennt ihn Springsteen „Big Man“, die beiden werden mehr als Freunde, sie werden „Blutsbrüder“. Später verewigt Bruce Springsteen ihre Geschichte in einem Song. Seit 40 Jahre sind die “Bloodbrothers” ein Herz und eine Seele. Im Januar 2011 erholt sich Clarence von einer Knie-OP. An einem Freitagabend baut er gerade ein Fitness-Gerät zur Stärkung seiner Beinmuskulatur zusammen, als das Telefon klingelt. Seiner Frau fällt fast der Hörer aus der Hand: Lady Gaga höchstpersönlich ist dran. Clarence ist ein großer Fan.
Todesfall bei den Dreharbeiten
Clarence soll auf ihrem neuen Album spielen. „Big Man“ freut sich, er könne gleich am nächsten Montag oder Dienstag in New York sein. Gaga jedoch braucht ihn sofort. 10 Minuten später rast Clarence zum Flughafen, kassiert noch einen Strafzettel für die Raserei und ist um 12 Uhr bei Gaga im Studio. Auch zwischen dem jungen Popstar und dem alten Meister stimmt die Chemie sofort. Wieder zuhause, bezeichnet sich Clarence als “gaga-it”. Gerade sind die beiden noch zusammen aufgetreten, haben ein Video gedreht, als Clarence Clemons am 12. Juni plötzlich zuhause zusammenbricht: Schlaganfall.
6 Tage später stirbt „Big Man“ an den Folgen, er wird 69 Jahre alt. Nicht nur Bruce Springsteen trauert - er hat seinen „Minister Of Sound“ verloren und seinen besten Freund - auch Lady Gaga. Als U2 von dem Tod erfahren, ändern sie sofort ihr Programm und spielen Clarence zu Ehren „Moment Of Surrender“. Bon Jovi sind auf Tour in Dänemark, als sie die Nachricht erreicht. Sie ehren Clarence mit Springsteens musikalischer Band-Biografie.
Autorin: Bettina Exner