Wer soll das lesen können, Mr. Dylan?
Im Januar 1961 packt Bob Dylan seine Gitarre ein und reist nach New York. Im Künstler-Viertel Greenwich Village will der junge Folksänger sein Glück versuchen. Der Club „Gerde’s Folk City“ ist der Mittelpunkt der bunten Folkszene, Zeremonienmeister dort ist Gil Turner. Bob fasst sich ein Herz, stellt seine Lieder vor. Aber da er so jung aussieht, will der Inhaber seinen Personalausweis sehen.
Bob ist noch keine 21 Jahre alt, also darf er gar nicht auftreten. Enttäuscht zieht Bob wieder ab. Ein Jahr später, Bob ist fast 21, sitzt er nachmittags mit einem Freund in einem Café. Irgendwann hatte er einmal den Gospelsong „No More Auction Block“ gehört, die Melodie der Sklaven geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. In nur 10 Minuten schreibt er am 16. April 1962 einen neuen Text zu der alten Melodie.
Stolz trägt er sein Lied zu Gil Turner. Endlich ist Bob alt genug, dort auf der Bühne zu stehen. Der Song gefällt, zusammen mit Gil Turner darf er sein Lied abends singen. Bob verflucht seine krakelige Handschrift, im Dämmerlicht kann er seinen Text kaum noch entziffern.
Ein Song für mich!
Wenig später hat Bob Dylan seinen ersten Plattenvertrag in der Tasche, aber es dauert ein weiteres Jahr, bis er “Blowin’ In The Wind” aufnimmt. Das hat einen guten Grund, denn veröffentlichte Songs darf jeder interpretieren, und Bob möchte sein Lied lieber eine Weile für sich selbst behalten. Aber er ist sehr stolz darauf, deshalb erlaubt er Gil Turner, den Liedtext in einem Folkmagazin zu veröffentlichen. Das Magazin „Sing Out“ ist für den Studenten Lorre Wyatt die Bibel.
Wer hats denn nun geschrieben?
Um endlich Anerkennung in seiner Schulband, The Millburnaires, zu finden, schreibt er fieberhaft eigene Songs, die allerdings ziemlich öde klingen. Als er den Text zu „Blowin’ In The Wind“ liest, bleibt ihm die Luft weg. Die Millburnaires proben für ein großes Schulkonzert, diskutieren über mögliche Songs. Da zückt Lorre Wyatt seine Gitarre und singt Bob Dylans Lied. Die Jungs sind begeistert, alle glauben, Lorre hat das Lied selbst geschrieben. Er lässt sie in dem Glauben, denn endlich bewundern ihn die anderen. Sie spielen „Blowin’ In The Wind“ auf dem Fest, und danach nie wieder.
Alles nur geklaut?
Obwohl die ganze Schule verrückt nach dem Song ist, verweigert sich Lorre. Seine Klassenlehrerin will wissen, warum er das großartige Lied nicht mehr spielt. In die Enge getrieben stottert der Schüler, er hätte es für 1.000 Dollar an Bob Dylan verkauft. Als Bob Dylan den Song auf dem Album „The Freewheeling Bob Dylan“ 1963 endlich veröffentlicht, stürzen sich einige Journalisten aus New Jersey auf das Lied. Bob Dylan hätte es von einem Schüler gestohlen, heißt es in den lokalen Zeitungen. Aber es kommt noch merkwürdiger.
Viel Geld für einen Studenten
Nur drei Wochen nach Album-Release veröffentlicht das Folk-Trio Peter, Paul & Mary sein Lied, ohne das er davon weiß. Des Rätsels Lösung: sie haben den gleichen, cleveren Manager. Albert Grossman reibt sich die Hände, als der Song in der ersten Woche mehr als 300.000 Mal über die Ladentische geht. Als die Millionen-Marke überschritten wird, hält Bob Dylan fassungslos einen Scheck über 5.000 Dollar in der Hand. Und was macht der Student? Der erzählt der Presse erst zehn Jahre später, was damals wirklich geschah.
Bettina Exner