Unfreiwillig hinterm Schlagzeug
1968 sind die Machtverhältnisse bei den Beatles eindeutig. Paul und John sind die Chefs, sie bestimmen, welche Songs aufgenommen werden. George und Ringo haben da nicht viel zu melden. Die Spannungen bei den Sessions zum „White Album“ sind unerträglich, als Ringo am 22. August wütend seine Drumsticks in die Ecke schmeißt und aus dem Studio rauscht.
Gerade hatte Paul einen Witz über ihn gerissen, der hat das Fass zum Überlaufen gebracht: der Schlagzeuger quittiert seinen Dienst bei dem Beatles, schnappt sich seine Familie und fliegt in den Urlaub. Die drei anderen Pilzköpfe müssen nun alleine zu recht kommen, widerwillig setzt sich Paul McCartney hinter die Schlagbude.
Ein Tintenfisch mit Sinn für Schönheit
In Sardinien will sich Ringo von seinem Frust ablenken, mit seiner Frau Maureen und den Kindern sticht er mit der Yacht von Schauspieler Peter Sellers für einen Tag in See. Gemächlich tuckern sie durch das azurblaue Meer, Ringos Magen knurrt. Der Beatle ordert „Fish & Ships“ und bekommt wenig später ein fischiges Etwas mit 8 Armen. Angewidert schiebt er den Teller zurück, Ringo hat keine Ahnung, wen er da vor sich hat.
Der Kapitän schmunzelt und erzählt, dass er eines der intelligentesten Tiere des Meeres auf dem Teller hat, mit 9 Gehirnen, 8 Armen und 3 Herzen. Es handelt sich um den Octopus, ein neugieriges Tier mit Sinn für „schöner Wohnen“. Die Krake lebt in Höhlen, wenn auf dem Meeresgrund keine zur Verfügung stehen, baut er sich eine aus weggeworfenen Kokosnussschalen.
Kurzer Prozess mit Konkurrenten
Die stapelt er übereinander, und stelzt mit starren Beinen über den Meeresgrund, dabei sieht er aus wie ein Kellner, der gestapelte Teller trägt. Ringo muss lachen. Der Kapitän fährt fort, sein Lobeslied auf die Meerestiere zu singen. Die würden mit Sandstrahltechnik die Schalen reinigen, in der einen Hälfte nehmen sie Platz, die andere Hälfte legen sie sich auf den Kopf.
Damit das alles nicht so karg aussieht, sammeln sie glitzernde Steine, Muscheln und Flaschen, die sie mit ihren Armen sogar aufdrehen können. Mit ihrer Beute bauen sie sich Vorgärten vor ihren Höhlen oder Kokosnussschalen. Auch das Liebesleben fasziniert Ringo, es gibt richtige Machos unter den Kraken, die viele Octopus-Damen testen, bevor sie sich für eine entscheiden. Und taucht ein Nebenbuhler auf, wird der kurzerhand erwürgt.
Wenn sich das auserwählte Pulpo-Mädchen ziert, dann legt sich der Trickser in Tarnfarbe auf den Meeresboden. Kommt sie vorbei, schlägt er zu. Interessantes Tier, befindet Ringo, als er den Octopus dann doch probiert. Seine Lieblingsspeise wird der Pulpo nicht, denn er schmeckt irgendwie nach Gummi. Aber diese unterirdische Welt der Oktopusse mit ihren sicheren Höhlen und den hübschen Vorgärten gefällt Ringo.
Sag´s mit Blumen!
An so einem Ort würde er sich auch gerne vor seinen Band-Kumpels verstecken. Während Ringo noch am Abend ein Lied über die Gärten der Kraken schreibt, flattert ein Telegramm in sein Ferienhaus. In England machen sich John, Paul und George große Sorgen um den Abtrünnigen, bezeichnen ihn in der Depesche als besten Schlagzeuger der Welt und flehen ihn an, zurück zu kommen.
Anfang September, viele Postkarten mit ähnlichem Text später, haben sie ihn endlich weich gekocht. Als Ringo am 5. September mit seinem neuen Lied über die Tintenfische das Abbey Road Studio betritt, ist sein Schlagzeug liebevoll mit Blumen geschmückt: Welcome Home! Späte Vergütung eines frühen Hits
Autorin: Bettina Exner