Keine Lust auf Hits am Fließband
Dass der Erfolg auch Schattenseiten hat, erfährt Al Stewart nach seinem Megahit „Year Of the Cat“. Alle paar Tage ruft die Plattenfirma an und fragt nach einem Nachfolgehit, der möglichst genau so klingen soll. Nur etwas anders, eben neu. Al ist genervt, denn Hits am Fliessband wollte er nie produzieren, seit ihm Robert Fripp, Gründer der progressiven Band King Crimson, das Gitarrespielen beigebracht hat.
Ganz im Gegenteil, er interessiert sich für experimentelle Klänge. Bevor Yoko Ono John Lennon fasziniert, hat Al mit der Avantgarde-Künstlerin zusammengearbeitet und sich eine Bude mit Paul Simon geteilt. Den ständigen Druck, ein zweites „Year Of The Cat“ zu schreiben hält er ein Jahr aus, dann setzt er sich missmutig hin und komponiert „Time Passages“.
Der ungeliebte Nr.1-Hit
Die Plattenfirma ist zufrieden, die Fans auch: Platz 7 in den Billboard Charts und, sehr zum Ärger von Al, Platz 1 der „Easy Listening Charts“. Da wollte er nun wirklich nie landen. Aber irgendwann hat er seinen ungeliebten Song vergessen. Längst produziert er keine Hits mehr, als er eines Morgens in einem Hotel mit dem Fahrstuhl ins Foyer fährt. Leise Musik rieselt aus den Lautsprechern. „Ah, Muzak“, murmelt Al verächtlich.
Er verflucht diese seichte Fahrstuhlmusik. Einen kernigen Rocksong würde er jetzt viel lieber hören. „Schrecklicher Song“, befindet Al, als er den Refrain hört. So langsam dämmert es ihm: es ist sein altes, ungeliebtes Lied. Und es ist seine Stimme, die den Fahrstuhl sanft beschallt.
Künstlerische Freiheit kostet Geld
Obwohl Al Stewart seinen eigenen Hit gar nicht mag, läuft das Lied auch 34 Jahre später noch bei vielen Radiosendern und ist somit eine sichere Altersversorgung. Denn Al Stewart ist heute im Rentenalter und macht nur noch die Musik, die er liebt. Kann er sich dank „Time Passages“ auch leisten.
Autorin: Bettina Exner